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Körperbild & Kapitalismus




„Ich kann das machen – aber nicht ohne Kapitalismuskritik.“


Ob ich für die Titelgeschichte der aktuellen Apotheken Umschau einen ganz persönlichen Text über die Beziehung zu meinem Körper schreiben könnte – bei dieser Anfrage hatte ich erst einmal Bauchweh. Denn: Als privilegierte Frau, als weiße Frau, als schlanke Frau, als normschöne Frau kann ich eben nur aus dieser ziemlich limitierten Sicht sprechen. Ich kann nicht nachfühlen, wie es ist, aufgrund seines Aussehens diskriminiert zu werden.


Was ich aber kann? Mit der Apotheken Umschau eine Zielgruppe erreichen, die ich sonst nicht erreichen würde. Ich kann in meinem Text zeigen, warum Schönheitsideale und Kapitalismus in unserer Gesellschaft nicht trennbar sind. Ich kann mich daran erinnern, was ungefragte Kommentare zu meinem Aussehen („Angela-Merkel-Mundwinkel“, „guck doch nicht immer so ernst“, „Bäuerinnen-Hüften“ (wtf?), „magersüchtig“) früher mit mir gemacht haben. Und ich kann die goldene Regel wiederholen: Wir. Kommentieren. Nicht. Das. Aussehen. Anderer. (außer jemand hat Petersilie zwischen den Zähnen oder fragt nach einer ehrlichen Meinung).


Die Apotheken Umschau mit der Titelgeschichte „Mein Körper und ich“ ist im Juli 2023 erschienen. Im Text ist alles, was ich unbedingt sagen wollte. Trotzdem, wie das halt so ist, musste er ein bisschen gekürzt werden. Deshalb gibt’s die Originalfassung jetzt hier, weil ich glaube, dass man über dieses Thema nicht genug lesen kann.




 

Vor ungefähr 10 Jahren hat mir ein Typ in der Bahn einen Zettel zugesteckt, der lange an meiner Pinnwand hing: „You have a beautiful smile!“ Heute frage ich mich, warum mir die Meinung eines fremden Mannes zu meinem Aussehen damals so viel bedeutet hat.


Aus demselben Grund wahrscheinlich, aus dem ich lange geübt habe, immer leicht zu lächeln – damit niemand meine „Angela-Merkel-Mundwinkel“ (Zitat eines Mitschülers) bemerkt. Oder warum ich vorm Freibadbesuch gläserweise Ananassaft getrunken habe (soll einen flachen Bauch machen). Mir die Zähne mit Backpulver geschrubbt (soll bleichen), eine Zeit lang fast täglich Krafttraining gemacht und zu jeder Mahlzeit Magerquark gegessen habe.


Der Grund winkt uns von Plakatwänden, Social-Media-Kanälen und Fernsehbildschirmen entgegen: Mit Körpern – besonders von Frauen – lässt sich wunderbar Geld verdienen. Es gibt Höschen, die das Bauchfett wegdrücken und andere, die den Hintern schön prall aussehen lassen. Es gibt Diät-Shakes und Vitamin-Gummibärchen. Es gibt Fitnesskurse, um die Muskeln zu definieren – aber nicht zu sehr, denn das ist nicht weiblich genug. Kurzum: Es ist absurd, was wir alles tun und lassen sollen, um Schönheitsideale zu erreichen, die immer unerreichbar bleiben werden.


Ich bin nicht immun gegen solche Vorstellungen. Erst letzte Woche habe ich mir die Wimpern färben lassen, mein Körper wird unter dem Motto „Selfcare“ gezupft, geknetet, gecremt, gepeelt. Und trotzdem bin ich stolz darauf, wie sich mein Körperbild und vor allem der Anspruch an meinen Körper in den letzten Jahren verändert haben.


Früher haben mich Kommentare zu meinem Aussehen lange beschäftigt. Etwa als meine Klassenlehrerin meine Eltern zur Seite nahm, weil sie mich für magersüchtig hielt, ich aber nur einen Wachstumsschub hatte. Als zwei Männer mir an einer Straßenkreuzung zuriefen, ich hätte „Hüften wie eine Bäuerin“, was auch immer das heißen mag. Oder als mein erster Freund fasziniert gegen meine Waden schnipste und sich wunderte, wie man gleichzeitig schlank und schwabbelig sein kann – eine Google-Suche später wusste ich, dass man das „skinny fat“ nennt und natürlich mit Supplements, Shakes und teuren Kursen behandeln kann.


Heute versuche ich, meinen Körper neutral zu sehen. Er ist dafür da, damit ich in der Welt sein kann. Nicht mehr und nicht weniger. Er muss mir nicht gefallen und ganz gewiss muss er anderen nicht gefallen. Was ich dazu sagen muss: Ich bin privilegiert. Ich bin gesund, ich habe genug Ressourcen, um mich fit zu halten und ich bin und war schon immer schlank. Ich entspreche größtenteils dem gesellschaftlichen Schönheitsbild. Ich kann nicht nachfühlen, wie sich Diskriminierung aufgrund des Aussehens anfühlt. Was ich aber kann? Keine Körper anderer Menschen kommentieren. Darauf aufmerksam machen, wenn es jemand tut. Und an meinem eigenen Körperbild arbeiten und jedes Bauch-Ein- und Mundwinkel-Hochziehen hinterfragen – auch wenn das gar nicht so leicht ist.



Ananassaft-Diät, Backpulver-Zahnbehandlung, Bauchweg-Hose: Wer hat auch schon mal was Bescheuertes gemacht, um Schönheitsidealen zu entsprechen?

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